ABC hilft weltweit

Ein Stück Weiblichkeit

Frauen im Kosovo sind nach einer Brustkrebsoperation ganz auf sich alleine gestellt. Eine Krankenversicherung zur Nachversorgung existiert nicht, Brustprothesen gibt es nirgendwo im Land zu kaufen. Mit Hilfe einer Gruppe engagierter Frauen gelang der Firma ABC Breast Care ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Es war im Juni 2015, als Barbara Buisset, eine Breast Care Spezialistin der ABC, Sadifete kennenlernte, eine kluge, lebensfrohe Frau Anfang 40 aus dem Kosovo, die gerade eine Brustkrebsoperation hinter sich hatte. Über den Kontakt einer gemeinsamen Bekannten hatte Sadifete die Möglichkeit, nach Deutschland zu kommen, damit ihr bei ABC im oberbayerischen Neubeuern eine Brustprothese angepasst werden konnte. ABC widmet sich ausschließlich der Nachsorge für Frauen nach einer Brustoperation mit externen Silikon-Brustprothesen die in Spezial-BHs getragen werden. Betroffenen Frauen soll damit wieder ein größtmögliches Maß an Normalität und neuer Lebensqualität ermöglicht werden.

Barbara Buisset, seit 2008 im Seminarteam von ABC in Deutschland, übernahm Sadifetes Versorgung. „Das Treffen war sehr prägend für mich“, so Barbara, „in Sadifetes Fall kam zur traumatischen Diagnose Krebs und der anschließenden Amputation einer Brust die Problematik hinzu, dass es im Kosovo keinerlei Versorgung nach solch einer Brustoperation für die betroffenen Frauen gibt. Dabei ist eine Brustkrebsoperation kein rein medizinisches Thema. Die Frauen kämpfen im Anschluss an die OP mit dem Gefühl, ein Stück ihrer Weiblichkeit verloren zu haben“.

ABC hat sich bereits in der Vergangenheit in Ländern wie Mexiko und Kolumbien engagiert um Frauen nach Brustoperation, die keinen Zugang zu brustprothetischer Versorgung haben, Prothesen und BHs anzupassen. In jedem Fall ist ein Team von zertifizierten Anpasserinnen in das betroffene Land gereist um eine qualifizierte Versorgung zu gewährleisten. Clemens Rechenberg, Geschäftsführer der ABC, hat vor diesem Hintergrund die Idee von Barbara, solch eine Versorgung im Kosovo anzubieten gerne aufgegriffen. „In Deutschland werden Prothesen voll erstattet und zusätzlich zwei Spezial-BHs pro Jahr staatlich bezuschusst“, so Clemens Rechenberg, „man vergisst leicht, dass dies in anderen Regionen der Welt alles andere als selbstverständlich ist“. Der Kosovo leidet nach wie vor unter den Folgen des Kosovo-Krieges 1998/99.  Jede brustprothetische Versorgung muss von den Frauen selbst bezahlt werden. Die einzige Möglichkeit besteht darin, ins benachbarte Mazedonien zu fahren  –  eine Aktion, die für die meisten Frauen im Kosovo finanziell nicht in Frage kommt. „Wir von ABC hatten den Wunsch als Unternehmen den Frauen dort einen Start in ein neues Leben zu ermöglichen“, so Clemens.

Über Sadifete stellten die ABC-Mitarbeiterinnen den Kontakt zu weiteren Frauen im Kosovo her, ein Spezialteam bildete sich:  Drita Lumi, Sadifetes Schwester und Ärztin im Klinikum Prishtina sorgte dafür, dass das Team einen Raum im Krankenhaus erhielt. Rina, Drita Lumis Tochter, übernahm spontan gemeinsam mit Barbara die Gesamtorganisation der Aktion. Nafije, pensionierte Journalistin und selbst ehemalige Brustkrebspatientin, sorgte über ihre Selbsthilfegruppe Jeta Vita dafür, dass möglichst viele betroffene Frauen im Kosovo von der Aktion erfuhren und kontaktierte zudem auch regionale Medien.

Eingang zur Klinik

Dennoch hatte das ABC-Team die organisatorischen Hürden deutlich unterschätzt. Nach unzähligen Telefonaten, E-Mails und trotz vieler Dokumente schien es zwischenzeitlich, als sollten die Pläne an der Bürokratie doch noch scheitern. „Wir waren kurz davor, das ganze Unternehmen aufzugeben“, so Barbara, „der Aufwand war einfach zu groß. Aber unsere Damen im Kosovo haben so sehr gehofft und gekämpft  –  das hat uns immer wieder motiviert“. Im September saßen Barbara, ihre Teamkollegin Brigitte Stickling sowie Rosi Stehböck, selbst brustoperiert und Botschafterin von ABC, endlich im Flieger nach Prishtina. Trotz aller Vorbereitung war es ein Flug ins Ungewisse. 80 brustoperierte Frauen waren im Vorfeld eingeladen worden.

Ball und Stoff als Prothesenersatz

Direkt nach der Landung dann die erste gute Nachricht: Die Einladung zu einem Interview im Morgenmagazin des kosovarischen Fernsehsenders rtv21. Als Barbara und Brigitte nach dem Spontan-Interview in der Klinik ankamen, in der die Aktion stattfinden sollte, warteten bereits etwa 40 Frauen darauf, versorgt zu werden. Und von Stunde zu Stunde wurden es mehr. „Wir rechnen in der Regel mit etwa einer Stunde für die Anpassung bei einer Frau  –  es wurde uns schnell klar, dass wir da nicht weit kommen würden“, erinnert sich Barbara Buisset. 45 Frauen erhielten am ersten Tag eine Prothese mit Spezial-BH und viele mussten auf den nächsten Tag vertröstet werden. Bereits gegen Mittag des zweiten Tages gingen die ersten Prothesengrößen aus. Dem Team blieb kaum Zeit zum Durchatmen, doch die Dankbarkeit, die ihnen entgegenschlug, war Motivation genug. Umarmungen, Freudentränen, Segenswünsche  –  und immer wieder die Aussage, dass man noch nie so schöne Unterwäsche besessen habe. „Die Frauen hatten sich Tücher, Bälle oder Watte in den BH gestopft, viele kamen mit völlig
verschmutztem, halb zerschlissenem oder ganz ohne BH“, erinnert sich Barbara.

Die Resonanz auf die Aktion war überwältigend, der Strom der Frauen riss nicht ab, weitere Fernsehsender baten um Interviews. Am dritten Tag erhielt das ABC-Team Besuch von Doana, die bei der Firma Roche für den Bereich Education zuständig ist und im Kosovo Gesundheitsbildung betreibt. Hellauf begeistert von der Aktion bot sie an, den Kontakt zum kosovarischen Medizinfachhandel herzustellen, um damit in naher Zukunft allen Frauen im Kosovo Zugang zu Brustprothesen zu verschaffen. Der gemeinsame Wunsch, das Thema Brustkrebs im Kosovo präsenter zu machen, machte die acht Frauen zu einem eingeschworenen Team. In heißen Diskussionen wurden Ideen entwickelt, wie man die Situation verbessern könne. „Es ist unglaublich, wie viel Energie und Kampfgeist die kosovarischen Frauen mitbringen“, so Barbara, „jede Einzelne ist Feuer und Flamme, in ihrem Land etwas zu bewegen“.

Rosi, Barbara und Brigitte im Anpassraum

Nach drei ereignisreichen Tagen in Prishtina und rund 125 versorgten Frauen machte sich das ABC-Team auf den Heimweg nach Deutschland. Im Gepäck das Gefühl, vielen Betroffenen etwas Gutes getan zu haben, mit vielen neuen Eindrücken und Ideen, sowie einer langen Liste von Frauen, die keine passende Prothese mehr erhalten hatten. „Wir haben den Anspruch, alle Frauen die zur Aktion erschienen sind zu versorgen“, betont Barbara, „niemand soll umsonst gewartet haben“. Die restlichen Prothesen sind bereits unterwegs, im Dezember 2017 wird das ABC-Team erneut in den Kosovo fliegen. Barbara und Brigitte hoffen, dass durch diesen Artikel Selbsthilfegruppen oder ähnlich engagierte Organisationen in Deutschland auf diese Aktion aufmerksam werden. Das ganze Team von ABC glaubt fest daran, „dass sich durch diese Aktion die Menschen im Kosovo und in Deutschland näher gekommen sind, mit dem Ziel die Situation der betroffenen Frauen auf dem Balkan längerfristig zu verbessern  –  das wäre für uns wie ein Weihnachtsgeschenk“.